Die Weichen für die Wasserstoffproduktion gestellt
Die Weichen für die Wasserstoffproduktion gestellt
Lubmin soll sich zu einem zentralen Drehkreuz für Wasserstoff entwickeln und damit eine wichtige Rolle für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland spielen. Eine ehemalige Nord-Stream-Pipeline soll künftig Wasserstoff bis in den Raum Berlin transportieren.
Am 11. Dezember im Industriehafen von Lubmin (Landkreis Vorpommern-Greifswald) lodert noch eine große Flamme über dem Gelände. Mithilfe einer meterhohen Heißgasfackel werden die letzten Reste Erdgas aus der OPAL-Pipeline verbrannt. Diese Leitung war früher Teil des Nord-Stream-Projekts, soll jedoch künftig Wasserstoff in Richtung Berlin transportieren und dort in das geplante bundesweite Wasserstoffkernnetz eingespeist werden. Dieses Netz soll mit einer Gesamtlänge von mehr als 9.000 Kilometern Wasserstoff durch ganz Deutschland leiten.
Nahe der Fackel haben sich an diesem Morgen mehrere Mitarbeiter des Pipeline-Betreibers Gascade versammelt. In neongelben Jacken und weißen Schutzhelmen beobachten sie gespannt den Moment, in dem der Wasserstoff das verbleibende Erdgas aus der Leitung verdrängt. Rund 140 Kilometer entfernt, im brandenburgischen Schönermark bei Schwedt, wird der Wasserstoff in die Pipeline eingespeist. Schrittweise vermischt er sich mit dem Erdgas, bis dieses vollständig aus der Leitung gedrückt ist. In Lubmin wird die Flamme dann unsichtbar – denn Wasserstoff verbrennt farblos und ist nur noch mit einer Wärmebildkamera erkennbar.
Das Henne-Ei-Problem des Wasserstoffs
Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein und ist dafür auf alternative Energieträger angewiesen. Zwar lasse sich vieles mit Strom betreiben, erklärt Dirk Flandrich, Programmleiter bei Gascade, doch nicht alles. Vor allem in Branchen wie der Stahl- oder Chemieindustrie seien weiterhin sogenannte Moleküle nötig. Wasserstoff könne hier eine entscheidende Rolle spielen, um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu sichern.
Der großflächige Einsatz von Wasserstoff scheiterte bislang jedoch an einem klassischen Henne-Ei-Problem. Wie der Chemiker und Mainzer Professor Carsten Streb erläutert, fehlten bisher sowohl Produzenten als auch Abnehmer – vor allem wegen der unzureichenden Infrastruktur. Gleichzeitig lohnte sich für Netzbetreiber der Ausbau nicht, solange es kaum Einspeiser und Nutzer gab. Um diesen Stillstand zu überwinden, haben die Bundesnetzagentur und die Fernnetzbetreiber beschlossen, zunächst die Infrastruktur aufzubauen: das bundesweite Wasserstoffkernnetz.
Alte Erdgasleitungen als Lösung
Die Umrüstung bestehender Erdgaspipelines erweist sich dabei als vergleichsweise unkompliziert. „Die Rohre und Armaturen können weiterverwendet werden“, sagt Flandrich. Die größte Herausforderung sei gewesen, die Umstellung der OPAL-Pipeline erstmals in dieser Größenordnung umzusetzen. Rund zwei Jahre dauerte die Umwidmung von etwa 400 Kilometern Leitung – vor allem wegen umfangreicher Planungs- und Vorbereitungsarbeiten. Der eigentliche Austausch von Erdgas gegen Wasserstoff nahm hingegen nur etwa acht Monate in Anspruch.
Lubmin als künftiger Wasserstoff-Hotspot
Theoretisch könnte die Pipeline unmittelbar nach der Befüllung mit Wasserstoff betrieben werden und den Output von bis zu zehn großen Produktionsanlagen transportieren. In der Praxis wird dies jedoch frühestens ab 2028 möglich sein, da erst dann Wasserstoff in Lubmin eingespeist werden soll. Ab diesem Zeitpunkt könnte sich der Standort zu einem echten Wasserstoffknotenpunkt entwickeln: Bis zu sechs Unternehmen planen, dort Wasserstoff einzuspeisen. Zudem will Gascade die OPAL-Pipeline künftig mit Wasserstoffleitungen aus Finnland und Dänemark verbinden.
Forderung nach mehr Tempo
Dem Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern geht der Ausbau dennoch zu langsam voran. Staatssekretärin Ines Jesse (SPD) fordert von der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern einen verbindlichen Fahrplan mit klaren Fristen für den Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur. „Ohne feste Zeitvorgaben fehlt der notwendige Druck – und den brauchen wir“, betont Jesse.
Inzwischen ist es Mittag im Industriehafen von Lubmin. Zunächst ist kaum zu erkennen, wie sich die Farbe der Flamme verändert. Doch dann geht es schnell: Das anfängliche Gelb verblasst, die Flamme wird durchsichtig – und verschwindet schließlich ganz. Die letzten Erdgasreste sind verbrannt. Der Wasserstoff hat Lubmin erreicht.
Quelle NDR vom 14.12.25
