Elektrifizierung industrieller Prozesswärme: Kostenvorteile und politische Voraussetzungen
Elektrifizierung industrieller Prozesswärme: Kostenvorteile und politische Voraussetzungen
Eine aktuelle Analyse von Agora Industry und Agora Energiewende zeigt, dass die Elektrifizierung industrieller Prozesswärme in Europa bereits heute wirtschaftlich sein kann, insbesondere bei Anwendungen im niedrigen und mittleren Temperaturbereich. Diese Prozesse machen rund die Hälfte des industriellen Wärmebedarfs aus und bieten damit ein erhebliches kurzfristiges Dekarbonisierungspotenzial.
Für Niedertemperaturanwendungen unter 80 °C sind etablierte Technologien wie industrielle Wärmepumpen bereits heute kosteneffizient, selbst bei Strompreisen, die vier- bis fünfmal höher als Gaspreise liegen. Um die Elektrifizierung auch im mittleren Temperaturbereich wirtschaftlich auszuweiten, sollte das Verhältnis von Strom- zu Gaspreisen unter dem Faktor drei liegen. Entscheidend hierfür sind ein schneller Ausbau erneuerbarer Energien, eine wirksame CO₂-Bepreisung sowie eine Senkung von Steuern und Abgaben auf Strom.
Modellrechnungen für Deutschland, Italien und Polen zeigen, dass direkte Elektrifizierung im Vergleich zu Alternativen wie Wasserstoff oder Biomethan die größten Emissionsminderungen und Energieeinsparungen ermöglicht. Durch die höhere Effizienz elektrischer Technologien können die Kosten für industrielle Prozesswärme um etwa 20 % sinken, sofern geeignete Anwendungen mit Wärmepumpen umgesetzt werden. Wasserstoff hingegen wirkt erst langfristig emissionsmindernd und ist mit deutlich höheren Kosten verbunden, während Biomasse und Biomethan durch begrenzte Verfügbarkeit eingeschränkt sind.
Prozesswärme verursacht etwa drei Viertel der industriellen Emissionen in Europa. Bereits heute könnten rund 60 % des Wärmebedarfs mit verfügbaren elektrischen Technologien gedeckt werden, bis 2035 sogar bis zu 90 %. Industrielle Wärmepumpen erreichen derzeit Temperaturen bis etwa 165 °C und perspektivisch bis zu 300 °C, während Elektrokessel flexible Dampferzeugung bis etwa 500 °C ermöglichen.
Neben Klimaschutz- und Effizienzvorteilen stärkt die Elektrifizierung auch die Energieversorgungssicherheit, da importierte fossile Brennstoffe durch heimisch erzeugten erneuerbaren Strom ersetzt werden können. Gleichzeitig entstehen neue Marktchancen für europäische Hersteller von Wärmepumpen und Elektrokesseln.
Um das vorhandene Potenzial zu erschließen, empfiehlt die Studie ein umfassendes politisches Maßnahmenpaket. Dazu gehören wettbewerbsfähige Strompreise durch Steuerreformen und CO₂-Preise, gezielte und zeitlich begrenzte Investitionsförderungen (z. B. Carbon Contracts for Difference), ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien sowie schnellere Genehmigungs- und Netzanschlussverfahren. Zudem sollten Elektrifizierungsziele und nationale Strategien für klimaneutrale Prozesswärme Planungssicherheit schaffen und Investitionen langfristig absichern.
(Quelle Agora Industry 23.02.2026)
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