Industrie vor radikalem Wandel – Wasserstoff kommt trotz Startproblemen
Industrie vor radikalem Wandel – Wasserstoff kommt trotz Startproblemen
Chemie, Düngemittel, Stahl und Glas stehen vor einem tiefgreifenden Wandel ihrer Produktionsprozesse. Nach Einschätzung von Forschenden wird Wasserstoff bis 2050 eine zentrale Rolle übernehmen – sowohl als Energieträger für industrielle Hochtemperaturprozesse als auch als Ersatz fossiler Rohstoffe. Das Projekt Transhyde zeigt diese Entwicklung auf und warnt zugleich vor falschen Investitionen. Europa könne noch eine wirtschaftliche Wasserstoffversorgung aufbauen, so ein Forschungskonsortium – allerdings nur, wenn innerhalb der nächsten fünf Jahre entscheidende Weichen richtig gestellt werden.
Vor allem die Industrie, künftig größter Wasserstoffabnehmer, steht vor einer umfassenden Transformation. Wie sich diese in einzelnen, für Deutschland wichtigen Branchen vollziehen könnte, beschreibt die neue Systemanalyse des Projekts Transhyde, die am Freitag veröffentlicht wird. An dem Projekt sind unter anderem Fraunhofer-Institute, Hochschulen, die Dechema und die Forschungsstelle für Energiewirtschaft beteiligt.
Während der Endenergiebedarf im Verkehrs- und Gebäudesektor bis 2050 stark sinken soll, kann die Industrie ihren Verbrauch nur geringfügig reduzieren. Gleichzeitig erwartet Transhyde dort den höchsten Wasserstoffbedarf: rund 779 Terawattstunden in der EU, Großbritannien, Norwegen und der Schweiz. Die Analysen stützen sich vielfach auf Daten branchennaher Institute und spiegeln daher auch die Perspektiven der jeweiligen Industrien wider.
In der Chemieindustrie soll klimafreundlicher Wasserstoff künftig eine Schlüsselrolle bei der Herstellung wichtiger Grundstoffe wie Ethylen, Propylen, Methanol und Ammoniak spielen. Ziel ist es, den heute aus Erdöl gewonnenen Rohstoff Naphta durch synthetische Alternativen auf Wasserstoffbasis zu ersetzen. Dafür müssten gasbetriebene Steamcracker schrittweise durch elektrisch betriebene, klimaneutrale Anlagen ersetzt werden.
Auch die Düngemittelindustrie steht unter Druck. Ammoniak, bislang überwiegend aus Erdgas hergestellt, könnte künftig verstärkt in Ländern mit günstigen Bedingungen für erneuerbaren Strom produziert und importiert werden. Dadurch gerät die heimische Produktion in einen deutlichen Wettbewerbsnachteil.
Im Stahlsektor gilt die wasserstoffbasierte Direktreduktion als langfristiger Ersatz für den Hochofen. Bis 2050 könnte dieses Verfahren die konventionelle Stahlproduktion in Europa nahezu vollständig ablösen, auch wenn der Hochlauf derzeit stockt und Importabhängigkeiten drohen. Für eine klimaneutrale Stahlproduktion auf Basis fossiler Brennstoffe und CO₂-Abscheidung sehen die Forschenden keine Zukunft.
Die Glasindustrie elektrifiziert ihre Prozesse zunehmend, wird aber auch langfristig teilweise auf Brennstoffe angewiesen bleiben. Fossile Energieträger sollen dort jedoch spätestens bis 2045 vollständig durch Wasserstoff ersetzt werden.
Grundsätzlich zeigt die Analyse: Niedrige Temperaturen lassen sich gut elektrifizieren, mittlere Temperaturbereiche benötigen einen Mix aus Strom, Biomasse und Wasserstoff, und für sehr hohe Temperaturen ab 500 Grad werden langfristig fast ausschließlich Biomasse und Wasserstoff eingesetzt. Trotz großer Unsicherheiten beim Tempo der Transformation rechnet Transhyde damit, dass der industrielle Umbau bis 2050 gelingt – warnt jedoch vor dem Risiko teurer Fehlinvestitionen in überdimensionierte oder falsch geplante Infrastrukturen.
Quelle Tagesspiegel Background vom 28.11.25
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